Der "Hebammerich"

Der "Hebammerich"

Thomas Gräff im Gespräch mit Peter Branner

Nach dem Gespräch mit Thomas Gräff, einem von zwei Orchesterwarten des MOS, tauchte die Frage auf, gibt es eine männliche Form von Hebamme? Als Berufsbezeichnung für Männer in Österreich durchaus gebräuchlich, doch schon in Deutschland heißt er „Entbindungspfleger“, also nicht so pas -send. Da aber Thomas Gräff doch etwas von einer Hebamme an sich hat, half Sprachwissenschaftler Oswald Panagl aus und hat den Ausdruck „Hebammerich“ kreiert. Dass er passt, soll das folgende Gespräch beweisen.

Thomas Gräff, du bist nach Jahren als Zimmermann 1990 beim MOS gelandet, feierst also heuer dein 25jähriges Berufsjubiläum.

Erschreckend, wie schnell die Zeit vergeht.

Das Publikum bekommt dich nur dann zu Gesicht, wenn du Noten oder Partituren auf das Podium bringst oder einen Umbau zwischen zwei Stücken vornimmst. Deine Tätigkeit ist aber eine überaus Vielfältige.

Ja, das stimmt. Ich musste seinerzeit den C-Führerschein machen, weil das ein Erfordernis für den Transport der Instrumente, der Kleiderkisten und des Notenmaterials zu den einzelnen Veranstaltungsorten war. Oft sind wir zu zweit, Robert Seebacher und ich, aber manchmal muss jeder alleine agieren. Es kann nämlich vorkommen, dass an einem Abend mehrere Spielstätten bespielt werden, z. B. wenn zwei Formationen des Orchesters an unterschiedlichen Orten auftreten. Da kann es sogar sein, dass ein Instrument nach einer gewissen Zeit zum anderen Aufführungort zu transportieren ist.

Wieweit musst du dich um das Notenmaterial kümmern?

Ob das richtige Notenmaterial in den Mappen liegt, dafür bin ich nicht verantwortlich. Dass es aber auf dem richtigen Pult liegt, fällt in meinen Verantwortungsbereich.

Du stellst die Notenpulte auf und platzierst vorwiegend die Schlaginstrumente, Kontrabässe und die Harfe.

Dafür habe ich meine Pläne, die ich zum Teil von den Musikern oder von Dirigenten bekomme. Wenn die Anordnung gleich bleibt, greife ich auf meine alten Unterlagen zurück. Praktisch sieht das so aus, dass ich ca. 3 Stunden vor Konzertbeginn am Veranstaltungsort die Sessel und Pulte aufstelle. Welches Schlaginstrument wo aufzustellen ist, wird mir ebenso mitge- teilt wie die Sitzordnung der einzelnen Instrumentengruppen. Also: kommen die Kontrabässe auf die linke Seite oder auf die rechte, wo sind die Plätze für die Cellis usf. Da gibt es unterschiedliche Formen der Aufstellung. Neben der Standardaufstellung gibt es eine amerikanische oder auch eine russische. Manchmal ändert sie der Dirigent noch nach einer Probe. Hie und da gibt es Schwierigkeiten, weil manche Vorgaben aus Platzgründen nicht zu erfüllen sind. Da hilft mir dann meine Erfahrung.

Welche Aufgaben hast du noch zu erfüllen?

Ich habe darauf zu achten, dass alle Musiker zu den Proben und natürlich zu den Aufführungen erscheinen. Sie bekommen von mir die Probenpläne und dann führe ich die Anwesenheitslisten, was wir „Dienststrich“ nennen. Bei einem Konzert gebe ich das Zeichen zum „Einstieg“, d. h. wann die Musiker die Bühne betreten sollen. Gelegentlich muss ich mich auch um den Dirigenten kümmern.

Kommt es vor, dass jemand seinen Dienst vergisst?

Das kommt immer wieder vor, hauptsächlich bei Theater-Dien sten. Ich versuche dann, die betreffende Person telefonisch zu erreichen. Wenn es nicht klappt, muss ich schauen, wo und wie ich einen Ersatz organisiere. Das geht leichter, wenn es sich um einen Geiger handelt, aber bei Solobläsern wird es schwierig.

Hast du dich bei deinem Eintritt ins MOS für die Musik, die das Orchester spielt, interessiert?

Ich hatte überhaupt keine Ahnung, aber inzwischen ist das besser geworden.

Hast du Erfahrungen, wie sich eine bestimmte Aufstellung akustisch auswirkt?

Die bekommt man mit der Zeit. Bei unseren Sälen weiß ich schon, wie es sich auswirkt, wenn das Orchester weiter vorne oder weiter hinten sitzt.

Ich nehme an, du begleitest das Orchester auch auf Tourneen?

Da bin ich natürlich auch dabei. Das ist immer eine spannende und interessante Aufgabe. Mit der Zeit lernt man die unterschiedlichen Konzertsäle alle kennen. Ich habe mir angewöhnt, dort an gewissen Stellen eine Vignette mit Datum anzubringen.

Bist du also eine Art Joseph Kyselak, der im 19. Jht. über-all, wo er hingekommen ist, seinen Namen hinterlassen hat?

Ja, das kann man so sagen. Aber im Gegensatz zu ihm sind meine Spuren ganz klein.

Ich stelle mir vor, dass der Instrumententransport nicht immer leicht ist, schon wegen des Gewichts.

Das ist richtig. Die verschiedenen Pauken haben ein Gewicht zwischen 60 und 80 kg und bei einem großen Konzert hebst du eine Tonne auf die Bühne und danach wieder herunter. Für das nächste Konzert bekommen wir eine Orgel aus Norddeutschland, die 300 kg wiegt. Die kommt zuerst auf die Bühne im Orchesterhaus, wird dann ins Festspielhaus transportiert, dort für die Generalprobe aufgebaut, wieder abgebaut wegen eines anderen Konzertes und am Tage der Aufführung wieder aufgebaut. Bei Tourneen haben wir fast 2 Tonnen Material mit.

Gibt es da keine Erleichterungen?

Wir haben zwar kleine Wagen, aber auf die Bühne müssen wir immer alles hinauf und herunterheben.

Sicherlich kannst du auch von Pannen oder heiteren Erlebnissen berichten.

Die gibt es natürlich auch. Vor einiger Zeit hatten wir ein Gastspiel in Frankfurt und danach eines in Udine. Dort stellte eine Musikerin fest, dass ihr Kleid für den Abend fehlte, weil sie es in die Kleiderkiste gehängt hatte, die mit Frankfurt gekennzeichnet war. Guter Rat war teuer. Letzt endlich ist sie in meinem Hemd, meinem Sakko, meiner Hose und meinen Schuhen, Größe 44, auf der Bühne gesessen. Ich absolvierte meinen Dienst in dunkler Jean und Hemd.

Ein anderes Beispiel fällt mir ein, das schon länger zurückliegt. Wir waren in Athen und das Konzert fand in einer riesigen Freilichtarena unterhalb der Akropolis statt. Die Musiker zogen sich alle in den Garderoben um. Lediglich einer machte das auf der Bühne in der Nähe der Kisten. Plötzlich wurde der Vorhang hochgezogen und der Mann stand in langer Unterhose da, beleuchtet von vielen Scheinwerfern, vor einem Publikum von ca. 3000 Leuten.

Wie sieht deine Freizeit aus?

Ich spiele immer noch Eishockey, inzwischen bei den alten Herren. Fußball spiele ich nicht mehr so viel wie früher.

Stand:

2015