Der 15. Nothelfer

Der 15. Nothelfer

Orchesterdirektor Thomas Wolfram

Ein Porträt von Peter Branner

Die 14 Nothelfer sind 14 Heilige aus dem 2.–4. Jahrhundert. In der katholischen Kirche werden sie seit dem 9. Jahrhundert als Schutzpatrone im Gebet angerufen. In der evangelischen Kirche gelten sie allgemein als Vorbilder im Glauben.

Dass es auch heute noch Menschen gibt, die solch‘ Helfer in der Not sein können, zeigt die Verbindung des Mozarteumorchesters zu Orchesterdirektor Thomas Wolfram.

Er erinnert sich: „1987 gab es die erste Anfrage. Damals leitete ich im Auftrag einer Wiener Agentur, in der ich die Orchesterabteilung innehatte, eine Tournee des MOS – ein sehr wichtiger Kunde. Mit der damaligen Orchesterdirektorin, Dr. Sigune Neureiter, bestand ein herzlicher Kontakt. Es war in Washington, im Lincoln-Center, wo sie mich fragte, ob ich sie nicht für fünf Jahre vertreten wolle, da sie in der Politik tätig sein möchte.“

Thomas Wolfram wollte, stellte sich beim Orchesterausschuss vor und der wollte auch. Die führenden Persönlichkeiten waren damals LH Wilfried Haslauer sen. und LR Wolfgang Radlegger. Neureiter, die sich um das Bürgermeisteramt der Stadt bewarb, fiel bei der Wahl durch und wollte plötzlich nicht mehr zurück auf ihren Sessel im MOS. So blieb Wolfram die fünf Jahre. Es war eine wichtige Periode für das MOS, denn in dieser Zeit entstand das Orchesterhaus, der japanische Markt wurde zurückerobert und mit Hans Graf sämtliche Mozart-Symphonien für Capriccio aufgenommen.

„Als ich erfuhr, dass Hans Graf (Anm: damals Chefdirigent) das Orchester verlässt, dachte ich, da gehst du auch. Das war 1992. Das wenige, was damals in meine Kompetenz fiel, war – vielleicht etwas übertrieben – die Autobusse für die Gastspiele zu bestellen. Alles andere, beispielsweise die zu spielenden Programme, bestimmten: die Salzburger Festspiele, die Kulturvereinigung, die Stiftung und die Agenturen für die Tourneen. Einen eigenen Zyklus gab es noch nicht. Das war auf die Dauer nicht attraktiv für mich.“

In die Ära Hans Graf fällt auch die Gründung unseres Vereins vor 30 Jahren. Bemerkenswert in diesem Zusammenhang: Thomas Wolfram zählt somit zu den Gründungsvätern! Mit dem Wissen, dass sein Vertrag nach fünf Jahren ausläuft, eröffnet Wolfram mit Genehmigung des Landeshauptmanns 1988 seine eigene Agentur und eine weitere zusammen mit einer Partnerin in Madrid, zwei Firmen gleichen Namens, aber juristisch und wirtschaftlich unabhängig voneinander. Nicht erlaubt sind ihm die Vermittlung des MOS oder von Künstlern aus seiner Agentur an das Orchester. Das gilt auch heute wieder.

„Nach diesem ersten ,Salzburg-Gastspiel‘ widmete ich mich voll und ganz dem Aufbau meiner Agentur in Wien. Wir haben begonnen, uns mit Orchestertourneen zu beschäftigen und Einzelkünstler zu vertreten. Damals übernahmen wir auch Hans Graf, den ich schon in meiner ersten Agentur betreut hatte. Es besteht also, auch wenn ich ihn heute längst nicht mehr vertrete, eine sehr lange berufliche und freundschaftliche Verbindung.“

In der Geschichte des Nothelfers Wolfram gibt es interessanterweise eine Wiederholung. 2014 wenden sich das Orchester und die Landesregierung abermals an ihn mit der Bitte, nach dem vorzeitigen Weggang von Vera van Hazebrouck die Stelle des Orchesterdirektors bis zur Neubesetzung interimistisch zu übernehmen. Die Übernahme erfolgte am 1. Februar. An diesem Tag wurde die Stelle von der Landesregierung neu ausgeschrieben.

„Einen Tag vor Ende der Bewerbungsfrist kamen Vertreter des Orchesters, inklusive Ivor Bolton, und baten mich, länger zu bleiben. Aus formalen Gründen musste ich eine Bewerbung abgeben. Ich hatte etliche Mitbewerber und da mich aus dem Orchesterausschuss kein Einziger von früher kannte, gab es noch zwei Hearings.“ Der weitere Verlauf der Geschichte ist uns wohlbekannt.

Woher stammt Thomas Wolfram? „Ich bin eher zufällig in Bremen zur Welt gekommen. Meine Familie stammt nämlich aus Hamburg. Mein Vater war Diplomat, meine Mutter, Dolmetscherin und Journalistin, hatte er während des Krieges in der Schweiz kennengelernt. Sein erster Posten nach Gründung der BRD war Rio de Janeiro, sein zweiter kurze Zeit später das Generalkonsulat in Sao Paulo, wo mein Bruder Peter, Rechtsanwalt in New York, zur Welt kam. Es folgte die Botschaft in Mexiko. Die Familie kam mit.“

Der junge Thomas erlernt das Schreiben zunächst auf Portugiesisch und erst mit 12 Jahren Deutsch, was ihm lange Schwierigkeiten bereitet, wie er gesteht. Die Eltern sprechen vor den Kindern englisch oder französisch, in Mexiko kommt dann Spanisch dazu.

Gab es Jugendfreunde? „Monika Niemeyer, die Nichte des berühmten Architekten, der Brasilia erbaute, war so eine. Daheim sprach sie Deutsch, unterhalten haben wir uns auf Portugiesisch. In Mexiko war ich zwar auf einer deutschen Schule, aber es wurde auf Spanisch unterrichtet.“

Mit Beginn der Pubertät kommt er quasi über Nacht in das bekannte Internat Solling in Niedersachsen, wo er zum ersten Mal in seinem Leben Schnee sieht. Obwohl ihn kein Heimweh plagt, empfindet er es bei kurzen Ferien gar nicht angenehm, im Internat bleiben zu müssen, ist doch das Zuhause zu weit weg. Hier entdeckt er allerdings die Musik und hat Freude daran. Jeden Tag gibt es am Morgen eine Viertelstunde Musik, bei der jeder still zuhören muss. Ein Vorteil dieser Schule besteht darin, dass er im Abitur als zweite Sprache Spanisch wählen kann. Danach möchte er studieren, doch der Vater, inzwischen über 80, drängt auf eine raschere Ausbildung.

Die Familie mütterlicherseits besteht aus Juristen und Schiffsreedern. Letztlich wird es eine Ausbildung zum Reedereikaufmann. Davon geblieben ist die Liebe zu Reisen auf Frachtschiffen. Gleichzeitig interessiert er sich für Pädagogik und arbeitet 12 Jahre als Erzieher mit Kindern, auch in „seinem“ Internat Solling. „Mein Vater wollte meine Studienpläne nicht unterstützen, weshalb ich mich 1972 entschloss, auf eigene Faust nach Wien zu gehen und nebenbei für mein Studium zu arbeiten. Die erste Stelle in Wien war ein Kulturschock, denn ich landete im Schülerheim Brigittenau, einem Heim für Kinder aus den einfachsten sozialen Schichten. Die Schlafräume waren mit 12 bis 20 Kindern belegt. Dies war nach dem Leben im Nobelinternat aus verschiedenen Gründen ganz schlimm, vor allem wegen der sprachlichen Barriere, so als Piefke im Arbeiterbezirk Wiens. Rückblickend war es für mich eine große, wertvolle Erfahrung.“

Die nächste Station für fünf Jahre – ein weiterer Schritt in Richtung Musik – ist bei den Wiener Sängerknaben. Wolfram wird für die Erziehung der Eleven, nämlich die Verantwortung für 40 Zehnjährige eingestellt, ein heute undenkbarer Zustand. Nach einem Jahr erfolgt die Übernahme eines regulären Tourneechores und seine ersten Erfahrungen imTourneegeschäft beginnen: Deutschland, Benelux, UK, Skandinavien und mehrmals Lateinamerika. Drei- bis sechsmonatige Konzertreisen, heute unvorstellbar.

Daneben studiert Wolfram an der Musikhochschule Kulturmanagement, an der Universität Romanistik und Psychologie und führt die Geschäfte einiger kleinerer Ensembles.

Schließlich erfüllt sich ein großer Wunsch: Er landet in einer Konzertagentur, die heute einer seiner Schützlinge aus der Zeit bei den Sängerknaben leitet.

„Hier fing ich in der Opernabteilung an und musste sehr viel lernen. Schließlich muss man bei Besetzungsanfragen mehrere Vorschläge machen können. Und ein Tenor in St. Pölten ist nicht unbedingt für München geeignet. Bald darauf begann ich mit der Organisation von Orchestertourneen. Meine erste war mit Wolfgang Sawallisch und den Wiener Symphonikern nach Spanien. Ca. 60 Orchester mit zahlreichen prominenten Dirigenten, Celibidache, Maazel, Tate usw. habe ich auf diese Weise kennengelernt. Damals begann mein Kontakt mit dem MOS. Es gab Tourneen nach USA und Südamerika mit Dr. Neureiter.“ Es überrascht, dass nicht nur Orchester vermittelt werden, sondern auch Bühnenbilder wie eine Lucia der Deutschen Oper Berlin nach Seoul oder ein Othello von Buenos Aires nach Sevilla. Auch gehört die Beratung einzelner Städte bei der Programmgestaltung und Durchführung von Konzertsaisonen dazu.

„Bei dieser Gelegenheit habe ich meine zweite Frau kennengelernt, die Theaterwissenschaft, Publizistik und kulturelles Management studiert hatte. Sie hat österreichisch-persische Wurzeln und ihr verdanke ich meine beiden Kinder: Die ,überaus quirlige‘ Victoria (23), die Marketing studiert, und den etwas nachdenklicheren Fabian (19), ein angehender Jurist.“

Durch seine Leidenschaft für Literatur sieht er im familiären Umfeld der Mutter Bezüge zu Thomas Manns „Buddenbrooks“ – atmosphärisch musste es so bei den Ur- und Großeltern zugegangen sein. Der hugenottische Einfluss zeigt sich auch im französisch reformierten Bekenntnis, das von Jugend an seine „Nothelferprägung“ begünstigt haben dürfte, die speziell im privaten Bereich zum Grundsatz führt, dass die linke Hand nicht zu wissen braucht, was die rechte tut – im Sinne von Diskretion und Bescheidenheit.

Ein Glück, dass es heute solche Nothelfer gibt!

Stand:

2021