Der Strom der Töne zog mich fort ...

Am 10. November 2020 hat er in großer Frische seinen 80. Geburtstag gefeiert: Ralf Weikert, der Maestro aus St. Florian. Der Swarowsky-Schüler war von 1960 bis 1963 Kapellmeister am Salzburger Landestheater und von 1981 bis 1984 Chefdirigent des Mozarteumorchesters. Später kehrte er mitunter für Konzerte zu-rück und wurde zum treuen Mitglied und oftmaligen Gast der Veranstaltungen unseres Vereins. Sein erstes Buch, „Beruf Dirigent“,  hat er 2017 in einem „Treffpunkt Musik“ vorgestellt, im Gespräch mit Peter Branner. Nun ist eine Autobiographie als Fortsetzung erschienen. 

Ralf  Weikert hat in aller Welt als gefragter Gastdirigent gewirkt – so bei den Salzburger und Bregenzer Festspielen, an der Met, in Paris, in Prag, in Barcelona und in den letzten Jahren hauptsächlich im Fernen Osten. An der Wiener Staatsoper stand er von 1974 („Il Trovatore“) bis 2004 („Gianni Schicchi“ / „I Pagliacci“) an 115 Abenden am Pult. In seiner Heimat Oberösterreich war er von 2004 bis 2015 musikalischer Leiter der Wagner-Festspiele in Wels. Wagner liebt er neben Mozart, Bruckner und Richard Strauss ganz besonders. Der Unermüdliche bedauert sehr, dass die „Ring des Nibelungen“-Produktion in Seoul in einer Inszenierung von Achim Freyer nach einem schönen „Rheingold“ 2019 ins Stocken geriet.

Sie musste wegen Sponsorproblemen abgebrochen werden – und jetzt regiert ja leider weltweit Corona in leeren Häusern … „Ringe“ hat Ralf Weikert schon einige hinter sich. War er doch von 1968 bis 1977 erfolgreich Chefdirigent in Bonn und von 1984 bis 1992  Musikdirektor in Zürich, wo er eine mittlerweile legendäre Inszenierung der Tetralogie durch Claus Helmut Drese musikalisch betreute. Drese zählt zu seinen liebsten Regisseuren, neben Götz Friedrich und Jean-Pierre Ponnelle, aber auch mit Ruth Berghaus konnte er gut. In seinem neuen Buch „Der Strom der Töne zog mich fort…“  (ein Zitat  aus  „Capriccio“  von  Richard  Strauss)  macht  er keinen Hehl aus seiner Abneigung, was die Abstrusitäten des „Regietheaters“ betrifft. Gentleman, der er ist, nennt er keine Namen  – aber man weiß ja, wer in Weikerts schwieriger Zeit in Frankfurt am Main (1977-81 als Stellvertreter Michael Gielens) für einen in die Theatergeschichte eingegangenen „Aida“-Skandal sorgte.

Überhaupt schreibt Weikert informativ, mit viel Witz und mitunter auch grimmiger Ironie, erzählt humorvoll Anekdoten und lässt sei-ne vielen Gastspiele in anderen Ländern mit anderen Sitten unterhaltsam Revue passieren. Über seinen „schönsten Beruf der Welt“, besser seine Berufung, hat er ja schon in seinem ersten Buch umfassend berichtet. Diesmal geht es um seinen Lebensweg an der Seite seiner Linzer Jugendliebe Heidi, mit der er seit 1960 glücklich verheiratet ist, von St. Florian bis in die Schweiz, wo er heute hauptsächlich  daheim  ist,  um  die  wesentlichen  Stationen  seiner Karriere und um Begegnungen mit Kollegen wie Karajan und Bernstein, Nello Santi und Harnoncourt. Weikert kann plastisch Menschen schildern - unvergesslich bleibt zum Beispiel Karl Pempelfort, der an Striese erinnernde, sehr rheinländische und sehr gescheite Intendant der ersten Bonner Jahre.

Gottfried Franz Kasparek