"Live kann nicht ersetzt werden"

Bernhard Mitmesser Klarinette
Bernhard Mitmesser
© Privat

"Live kann nicht ersetzt werden"

Gottfried Franz Kasparek im Gespräch mit Bernhard Mitmesser

Bernhard Mitmesser ist seit 2019 Soloklarinettist im Mozarteumorchester. Nun hat er das Probejahr bestanden und freut sich auf kommende Aufgaben. Wie geht es dem jungen Musiker und jungem Vater mit dem Lockdown? „Privat ist das momentan eigentlich ein Vorteil. Unsere Tochter Veronika ist gerade fünf Wochen alt und hält uns auf Trab. Meine Frau Maria Schörghofer, die am Musikum Klarinette und Saxophon unterrichtet, und ich haben viel Zeit für das Familienleben und wir sind sehr glücklich. Aber beruflich ist das natürlich nicht so fein. Das Orchester darf zwar proben und CD-Aufnahmen machen, aber die Auftritte gehen mir schon sehr ab. Es fehlen die Herausforderungen und die Ziele. Ich versuche, die Zeit zum Üben zu nützen und mein Repertoire zu erweitern, vor allem in Bereichen der Kammermusik und der zeitgenössischen Musik. Jedoch dürfen wir im Orchester gar nicht klagen, wir sind wenigstens existentiell abgesichert. Im Vergleich zu Freunden in der freien Szene geht es uns ja noch gut. Hoffentlich kommt die alte Normalität bald wieder.“

Der 1991 geborene Musiker stammt aus Bischofshofen. Seine Eltern haben früher eine Metzgerei betrieben. Er selbst hat das Handwerk des Metzgers nicht mehr erlernt, „aber einmal im Jahr machen wir zuhause Speck, wir haben noch eine Selcherei. Das ist immer ein großes Fest. Leider kann ich selbst nicht Speck machen, ich möchte es aber noch erlernen.“ In Bernhard Mitmessers Familie gab es keine Musiker, „mein Bruder hat Klarinette gelernt, hatte aber keine Lust zu üben. So stand das Instrument daheim herum und ich habe als Kind damit gespielt. Das hat mich so fasziniert, dass ich am Bischofshofener Musikum bei Clemens Müller zu lernen begonnen habe. Eine zweite Lehrerin war Barbara Huber, jetzt Neureiter. Zu Barbara habe ich bis heute eine sehr gute Beziehung. Dann hat mich Alois Lechner, der geniale Kapellmeister und Bruder des Instrumentenbauers, entdeckt und für die Blasmusik engagiert, was eine sehr wertvolle Erfahrung war. Mit neun Jahren habe ich im traditionellen Frühlingskonzert gespielt. Mit fünfzehn Jahren wechselte ich ans Musikgymnasium in Wien, wo ich bald in den Vorbereitungslehrgang der Musikuniversität aufgenommen wurde. Johann Hindler, der Generationen von Klarinettisten und Klarinettistinnen ausgebildet hat, wurde mein prägender Lehrer. Ich studiere ja immer noch. In den letzten Jahren hatte ich so viel zu tun, dass mir der Konzertfachabschluss noch fehlt. Mittlerweile ist übrigens mein Vorgänger in Salzburg, Christoph Zimper, Professor an der Wiener Musikuniversität.“

Das erinnert mich an unsere erste Begegnung im Sommer 2014 beim Mattseer Diabelli Sommer. Dort spielte Bernhard in einem Triokonzert mit dem aus Mattsee stammenden Fagottisten Johannes Hofbauer (der ist nun Münchner Philharmoniker) und dem Pianisten Nikolaus Wagner virtuose Stücke von Mendelssohn, Glinka und Poulenc – und eine Sonatine vom Kollegen Zimper. „Damals war ich Akademist der Münchner Philharmoniker und gerade Soloklarinettist im Sinfonieorchester Wuppertal geworden, hatte aber schon viel Erfahrung sammeln können, nicht nur im Salzburger Landesjugendorchester und in München, sondern auch sehr oft als Substitut bei den Wiener Philharmonikern und in der Wiener Staatsoper. Diese Verbindung hat gehalten, zum Beispiel durfte ich 2019 im Sommernachtskonzert in Schönbrunn unter der Leitung von Gustavo Dudamel mitwirken.“ Vor dem Engagement in Wuppertal wäre Bernhard Mitmesser fast nach Los Angeles übersiedelt, „wegen eines großartigen Lehrers, Yehuda Gilad. Ich habe ihn bei Wettbewerben kennen gelernt.“ Von denen er einige gewonnen hat, so bekam er 2012 den „U21-Sonderpreis“ beim ARD. „Die Zeit in Wuppertal war sehr schön. Das dortige Orchester ist hervorragend, wir spielten ein sehr breites Repertoire in Konzert und Oper. Es gibt ja dort einen wunderschönen historischen Konzertsaal, der akustisch zu den besten der Welt gehört. Und wir im Orchester waren eine große Familie. Ich hatte eineinhalb Jahre eine volle Stelle, dann bis 2018 eine halbe, weil ich sehr viele Probespiele absolviert habe.“ Als Soloklarinettist gastierte Bernhard zum Beispiel in der Staatskapelle Dresden, beim WDR-Sinfonieorchester in Köln, NDR Elbphilharmonieorchester Hamburg und beim HR-Sinfonieorchester. „Eine Zeit lang habe ich sehr viel Oper in Dresden gespielt, auch unter Christian Thielemann, der schon eine große Persönlichkeit ist. Manchmal war ich ziemlich im Stress. So bin ich einmal in einer Woche zwischen München und Dresden viermal gependelt, mit dem Flugzeug, was natürlich ökologischer Wahnsinn ist. In der Bayrischen Staatsoper spielte ich in der ‚Schweigsamen Frau’ von Richard Strauss, in Dresden im ‚Barbier von Sevilla’, in ‚Le nozze di Figaro’ und, unter der wunderbaren Dirigentin Simone Young, in Hindemiths ‚Mathis der Maler’. Das waren alles tolle Aufgaben, aber so einen Marathon möchte ich nicht mehr machen …“ Von 2018 bis 2019 folgte eine weitere Zeit im Bühnenorchester der Staatsoper mit vielen Auftritten mit den Wiener Philharmonikern. „Ich durfte zwei Saisonen bei den Salzburger Festspielen dabei sein. Unvergesslich sind mir Gustav Mahlers 9. Symphonie mit dem unglaublichen Maestro Herbert Blomstedt und Tschaikowskys „Pique Dame“ unter Mariss Jansons. Der war schon sehr krank, aber immer noch ein charismatischer Musiker. Ich schätze mich glücklich, dass ich unter seiner Leitung noch musizieren durfte.“ Beim letzten Probespiel für die Stelle als 2. Klarinettist bei den Philharmonikern wurde er zweiter und war später sehr froh über dieses Ergebnis. „Man hat als Soloklarinettist doch viel schönere Aufgaben und außerdem bin ich sehr gerne daheim. Ich liebe die Berge, die sind mir in Wuppertal und auch in Wien schon abgegangen. Ich brauche als Ausgleich viel frische Luft und Bewegung in der freien Natur. Wandern, Schwimmen und Skitouren gehen sind meine liebsten Freizeitbeschäftigungen.“ Gibt es andere Musik als die Klassik? „Ich liebe Jazz und höre ihn sehr gern, aber ich kann das nicht so gut spielen. Aber das wird noch kommen. Außerdem mache ich sehr gerne gute, traditionelle Volksmusik, so auch mit meinem lieben Kollegen von der Posaune und Landsmann, Thomas Weiss.“ Und so beginnen wir gleich, ein Volksmusikkonzert für den Verein zu planen.

Wie geht es Bernhard Mitmesser im Mozarteumorchester, in dem er früher mitunter als Substitut zugange war? „Ich fühle mich sehr wohl in unserem wunderbaren Orchester. Es gibt viele junge Leute und tolle neue Konzertreihen wie die ‚Heimspiele’. Natürlich liebe ich Mozart, die Königsdisziplin für Klarinettisten. In Wuppertal habe ich sein Konzert dreimal gespielt. Es würde mich auch reizen, es einmal auf der Bassettklarinette einzustudieren, das hat schon besonderen Charme und ist ja eigentlich das Original. Leider besitze ich dieses sehr teure Instrument nicht, nur die üblichen A-, B- und Es-Klarinetten. Aber ich habe keinen wirklichen Lieblingskomponisten, ich liebe viel. Beethoven, Mendelssohn, Schubert, Mahler und so weiter… Und ich spiele irrsinnig gerne große Oper. ‚Lohengrin’ war ein Traum. ‚Salome’ ist noch einer. Hoffentlich ist es bald wieder möglich, dies zu tun. Besonders Wagner und Richard Strauss gehen mir sehr ab. In der Zukunft wäre auch ein Assistenzposten am Mozarteum schön. Ich unterrichte schon ein wenig privat, zum Beispiel war ich erstmals beim Bläserurlaub in Bad Goisern. Es macht mir große Freude, mit jungen Studierenden zu arbeiten.“ Das Wichtigste ist derzeit die Hoffnung auf das Ende aller Lockdowns. „Es ist ja gut, dass wir Streamings spielen können, aber der Live-Auftritt kann durch nichts ersetzt werden!“ Wir halten die Daumen und freuen uns auf die nächste Begegnung!

 

Stand:

2020
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