Eine Zwischenbilanz

Eine Zwischenbilanz

Peter Branner im Gespräch mit Elzbieta Pokora

Es ist uns wichtig, Ihnen neue feste Mitglieder des Orchesters vorzustellen, aber auch Gespräche mit schon länger im Orchester tätigen Musikerinnen und Musikern sind immer wieder interessant. Wie haben sich die persönlichen Vorstellungen im Laufe der Jahre entwickelt und verändert? Sind Erwartungen erfüllt oder enttäuscht worden?

Sie spielen seit 1997 im Orchester bei den zweiten Geigen. Wie haben Sie die Entwicklung des Orchesters seit Ihrem Eintritt erlebt?

Ich bin während der Ära von Hubert Soudant ins Orchester gekommen und ich sehe eine unglaublich positive Entwicklung, weil eben die neu eingetretenen Kolleginnen und Kollegen alle sehr viel können. Was mir auffällt, ist die große Begeisterung und der Biss für ihre Arbeit. Sie wollen alle spielen und sie spielen nicht, weil sie müssen. Das steckt an und formt den Teamgeist.

Gibt es auch etwas, was Ihnen fehlt?

Ja, z. B. haben wir vor Einführung der eigenen Zyklen mehr bei der Salzburger Kulturvereinigung gespielt. Da gab es fast monatlich mehrere Konzerte und die fehlen mir. Andererseits waren die Dirigenten damals nicht immer nach unseren Vorstellungen. Ich glaube aber, dass heute ein größeres Angebot an qualitativ höherwertigen Dirigenten besteht, die erschwinglich sein sollten.

Nun weiß man, dass unsere Orchestermusiker auch Nebentätigkeiten ausüben. Sei es, dass sie unterrichten oder in Kammermusikgruppen spielen. Wie sieht das bei Ihnen aus?

Aus Zeitmangel unterrichte ich derzeit nicht. Ehrlich gesagt habe ich ein wenig Bedenken, weil ich nicht weiß, ob ich eine gute Pädagogin wäre. Ich verlange von mir sehr viel und befürchte, dass ich von meinen Schülern möglicherweise zu viel verlangen könnte. Gelegentlich spiele ich in einem Kammermusikensemble. Hingegen spiele ich fast ständig in der Dommusik und seit vier Jahren in Frankfurt im HR-Sinfonieorchester (Anm.: Sinfonieorchester des Hessischen Rundfunks), das bis vor kurzem Paavo Järvi geleitet hat und dem jetzt Andrés Orozco-Estrada vorsteht. Er hat von den Tonkünstlern Niederösterreich dort hin gewechselt. Da spielen Sie aber ein anderes Repertoire.Das ist richtig und auch aufregend. Ich habe sehr schöne Erinnerungen an große Mahler-Aufführungen unter Järvi im Kloster Eberbach beim Rheingau-Festival.

Gehört Mahler noch immer zu Ihren Favoriten?

Ja, Mahler und Richard Strauss. Im Jahre 1998 gab es an dieser Stelle ein Interview mit Ihnen, aus dem wir erfuhren, dass Sie in Polen geboren sind, ab 1987 an der Musikakademie in Łódź studiert und 1992 als Magistra Artium ihr Studium mit Auszeichnung abgeschlossen haben. Nicht erfahren haben wir, wie Sie damals den Unterschied zwischen Ost und West erlebt haben.

Die große Sehnsucht nach Freiheit, die wir seinerzeit hatten, ist für junge Menschen heute nicht mehr nachvollziehbar. Dennoch hätte ich damals wegen meiner Familie nicht fliehen wollen.

Ich nehme an, Ihre Familie lebt noch in Polen?

Meine Mutter, die Geigerin war, und meine Schwester mit Familie leben in Polen. Mein Vater ist leider voriges Jahr verstorben. Er war Schlagwerker.

Sie sind also nach dem Fall des Eisernen Vorhangs in den Westen gekommen?

Nach der Öffnung ging ich nach Mannheim zu meiner großartigen Lehrerin Wanda Wiłkomirska, (Anm.: die in den 60er-Jahren mehrfach auch bei Konzerten der Salzburger Kulturvereinigung als Solistin zu hören war).

Sie haben das seinerzeitige Interview angesprochen. Ich wurde damals sehr missverstanden. Es kam so heraus, dass mein Landsmann Szymanowsky mein Lieblingskomponist wäre und ich keinen anderen gelten ließe. Das stimmt so nicht. Ich meinte damals nur, dass er in Österreich zu wenig gespielt wird, aber das hat sich inzwischen auch etwas geändert.

Sind Sie schon österreichische Staatsbürgerin?

Ich möchte gerne eine werden, doch müsste ich die polnische Staatsbürgerschaft aufgeben und das will ich nicht.

Sie haben damals auch von Ihren Ausflügen in die Berge gesprochen. Machen Sie das immer noch?

Wo immer ich bin, also auch im Ausland, steige ich gerne auf Berge. Mit einem Kollegen bin ich sogar schon geklettert, aber das ist mir doch etwas zu schwierig. Bewegung ist mir wichtig. Da ich hinter dem Mönchsberg wohne kann ich alle wichtigen Ziele zu Fuß oder mit dem Fahrrad erreichen und der Marsch über das Bürgermeisterloch in die Altstadt ist auch ein gutes Training.

Vielen Dank für das Gespräch.

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