Das Orchesterspiel war's ...

Das Orchesterspiel war's ...

Peter Branner im Gespräch mit Gabriel Meier

Der berühmte Carlos Kleiber war dafür bekannt, dass es ihm überaus wichtig war, vor seinem Gesprächspartner am Treffpunkt zu sein. Obwohl selbst sieben Minuten vor der Zeit, wird der Fragensteller schon von Gabriel Meier erwartet. Das ehrliche Geständnis, über ihn nichts zu wissen, wird mit einem lachenden „Ich habe mich schon gefragt, wie erfolgreich ihre Internet-Recherche sein wird“ beantwortet.

Die Eingabe seines Namens (Meier mit >ei<) ergibt bei Google 511.000 Treffer, setzt man das Wort >Musiker< hinzu, reduzieren sie sich auf schlappe 414.000. Angesichts dessen erscheint es durchaus vertretbar, ahnungslos, aber neugierig dem Interviewpartner gegenüber zu treten.

Durch Ihre Fixanstellung beim MOS darf ich annehmen, dass Sie schon mitgestimmt haben bei der Entscheidung, wer neuer Chef des Orchesters werden sollte?

Nein, denn zu dem Zeitpunkt war ich gerade ein Monat in Väterkarenz und gar nicht in Salzburg.

Wie alt ist Ihr Nachwuchs?

Unser Sohn ist inzwischen 20 Monate alt.

Wo sind Sie zur Welt gekommen?

In Heimerdingen, das ist ein kleines Dorf westlich von Stuttgart. Ich bin also ein geborener Schwabe.

Von Schwäbisch ist bei Ihnen aber nichts zu hören, Sie klingen ausgesprochen norddeutsch.

Meine Eltern kommen aus Hannover und dort spricht man hochdeutsch.

Wie haben Sie die Musik entdeckt?

Ich bin das jüngste von drei Kindern. Wenn die älteren Geschwister musizieren, dann ist es fast ein Automatismus, dass man es auch machen möchte. Es stand bei uns ein Klavier. Da mein Bruder und meine Schwester sich damit beschäftigten, wollte ich das nicht auch noch und habe mich mit sechs Jahren für die Geige entschieden.

Wann kam der Wunsch, Musiker zu werden?

Bis zu meinem Abitur wusste ich es noch nicht. Musik war zwar schon ein Thema, ich tendierte aber eher in die Richtung Toningenieur. Mein damaliger Geigenlehrer hat dann einen entscheidenden Impuls gesetzt. Er meinte, mit Tontechnik könne ich mich immer noch beschäftigen, wenn ich aber Geige studieren möchte, müsste ich es jetzt machen. Ich habe dann mit der Geige angefangen und nicht mehr aufgehört. Die Begeisterung kam mit dem Orchesterspiel.

Waren Sie in einem Jugendorchester? Vor dem Studium habe ich das ausgelassen, aber während des Studiums konnte ich in der Jungen Deutschen Philharmonie mitspielen. Das waren tolle Erfahrungen mit guten Dirigenten. Ich erinnere mich noch sehr gut an das erste Mal mit Adam Fischer und der 7. Mahler Symphonie. Auch beim Hochschulorchester hatten wir große Projekte. Wir haben in Kooperation mit der Seoul National University in Südkorea Le Sacre du printemps und Also sprach Zarathustra aufgeführt. Diese Orchestererfahrungen haben mir vorher gefehlt.

Wann haben Sie dann abgeschlossen?

Ich habe insgesamt vier Studiengänge belegt. Die künstlerische Ausbildung als Orchestermusiker, eine musikpädagogische und Kammermusik mit Streichquartett habe ich mit Diplom abgeschlossen. Außerdem belegte ich den Studiengang Orchestersolist. Da ich damals aber schon bei den Bremer Philharmonikern arbeitete, war das Studium von Mannheim aus letztlich nicht mehr praktikabel, so habe ich mich dann 2011 exmatrikuliert.

Haben Sie vorher schon in professionellen Orchestern gespielt?

Durch ein erfolgreiches Probespiel für Praktikanten bekam ich die Gelegenheit, im Orchester des Nationaltheaters Mannheim ein Jahr lang Erfahrungen im Opern- und Konzertbetrieb zu sammeln. Es war ein Haus mit unglaublich vielen Repertoirevorstellungen. Ich spielte in diesem Jahr sicher an die 20 Opern.

Ist das nicht sehr schwierig, wenn es kaum Proben gibt?

Es war eine gute Schule für das vom Blatt spielen. Davon profitiere ich immer noch. Es waren große Opern dabei wie Tannhäuser, Parsifal und Der Rosenkavalier, bei denen man in der Kürze der Zeit unmöglich jeden Ton spielen kann. Ich hatte hier immer große Unterstützung von den Kollegen, die mir zeigten, welche heiklen Stellen man üben muss, und wo man sich eher „vorsichtig“ verhalten sollte.

Gab es auch andere Orchester, in denen Sie spielten?

Durch das große Repertoire war ich zeitlich sehr blockiert für das Studium, sodass ich nicht verlängert habe und anschließend ein dreiviertel Jahr im Kurpfälzischen Kammerorchester (Mannheim) in der Funktion eines stellvertretenden Konzertmeisters spielte. Dann gab es ein Probespiel für einen Zeitvertrag in Bremen, das ich für mich entscheiden konnte.

Da hatten Sie aber noch keine Familie? Nein, aber meine Freundin Andrea Gehring lernte ich dort kennen. Sie arbeitete dort zur gleichen Zeit als Kontrabassistin. Bremen hat wie Salzburg ein eigenständiges Orchester mit Konzertbetrieb, das aber auch die Oper bespielt. Nach Vertragsende kam ich dann an das Hessische Staatstheater in Wiesbaden, wo ich erstmals Zweite Geige spielte. Davor war ich immer bei den Ersten Geigen. Dieser Zeitvertrag war aber sehr unsicher, weshalb ich mich anderweitig umsah und dann beim Staatsorchester Mainz als stellvertretender Stimmführer einen Vertrag für drei Jahre erhielt. Da die Stimmführerin nach kurzer Zeit schwanger wurde war das „stellvertretend“ durchaus wörtlich zu nehmen. Das war erstmal ein Sprung ins kalte Wasser.

Was zeichnet einen Stimmführer bei den Zweiten Geigen aus?

Anders als beispielsweise bei einer Konzertmeisterstelle, bei der mehr vorgegeben und geführt wird, ist die Stelle bei den Zweiten Geigen eher vermittelnd. Man muss mehr reagieren, mehr mitgestalten, dabei aber so deutlich sein, dass auch die hinteren Pulte nicht abgehängt werden. Im Orchester ist das schwieriger als in der Kammermusik, wo man näher beisammen sitzt.

Woran erkennen das die Musiker? Ist es an der Bogenspitze?

Das kann die Bogenspitze sein, das kann die Schnecke sein, teilweise sieht man von hinten wie geatmet wird. Das klingt jetzt so, als ob wir nur nach Optik spielen würden. Es ist jedoch ein unterstützender, oft auch nur ein bestätigender Teil. Vieles ergibt sich auch aus dem musikalischen Fluss und vom Hören.

Kommen wir auf Ihre Lebensstationen zurück. Wie lange waren Sie in Mainz?

In Mainz war ich viereinhalb Jahre. Nach zweieinhalb Jahren konnte ich auf eine feste Stelle bei den Ersten Geigen wechseln. Meine nächste Stelle war dann in Salzburg.

Wie war der Einstieg hier für Sie?

Ich habe mich sowohl im Orchester, als auch in der Stadt von Beginn an wohlgefühlt. Es hat mich selber überrascht, dass es so schnell ging.

Was hat Sie nach Salzburg gezogen?

Ein Grund war, dass meine Freundin in Klagenfurt im Orchester spielte und Professorin für Kontrabass am Konservatorium ist. Wir hatten vorher eine Fernbeziehung mit 10 Stunden Fahrtzeit. Mittlerweile fährt sie nur noch zum Unterrichten nach Klagenfurt. Derzeit ist sie allerdings in Karenz. Im April erwarten wir unser zweites Kind.

Wir gratulieren und wünschen Ihnen viel Glück in jeder Weise.

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