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Editorial des Präsidenten

Seit  März  2020  konnten  wir  Ihnen leider  nur  ein  sehr  eingeschränktes Programm bieten. Es gab gerade so viel Kammermusikabende und Künstlergespräche, dass wir uns zwischen den Lockdowns und inmitten von Beschränkungen immer wieder in Erinnerung bringen konnten. Ich danke Ihnen sehr für Ihre Treue und für Ihr Verständnis.

Lassen Sie uns hoffen, dass die nächste Saison wie geplant statt-finden  darf.  Mit  den  Plänen  und  deren  Erfüllung  ist  es  ja  immer so  eine  Sache,  aber  wir  geben  nicht  auf.  Das  allen  Schwierigkei-ten zum Trotz vielfältige und spannende künstlerische Leben des Mozarteumorchesters  wurde  und  wird  im  Freunde-Journal  doku-mentiert. Und auch diesmal können Sie zwei neue Mitglieder des Orchesters kennenlernen. Der unverzagte Mut beider ist wohl nicht nur für mich, der ich sie vorstellen darf, eine große Freude. Zudem wurde die Zeit für etliche hörenswerte CD-Aufnahmen genützt, mit Musik von Mozart, aber auch von einigen seiner oft unterschätzten Zeitgenossen. Es gab im Konzert- und im Theateralltag packende Aufführungen „alter“ und „neuer“ Musik. Im Alltag? Waren es nicht immer wieder wahre Feste, wenn das Orchester nicht nur am Bildschirm für uns musizieren durfte?

Viele schöne Projekte wurden verschoben, neu geplant, wieder ver-schoben,  manche  werden  wohl  untergehen,  dafür  kommen  neue Ideen und neue Formate. Manchmal duften wir in den Pausen sogar relativ unbeschwert Erfrischungen genießen und wir mussten nicht immer unsere Gesichter verhüllen. Es gab sie, die Momente der rela-tiven Normalität. Man könnte jetzt lange über den Begriff der Nor-malität diskutieren. Für mich zum Beispiel ist es nicht normal, mit einer Maske im Konzert zu schwitzen, in der Pause verschämt aus einem Wasserhahn zu trinken und pausenlos mehr als zwei Stunden Musiktheater  unter  erschwerten  Bedingungen  durchzusitzen.  Ich mag ein wenig privilegiert sein, da mir aus medizinischen Gründen ein Visier erlaubt ist, doch auch der Plastikschirm vor der Nase und dem  Mund  ist  auf  längere Zeit  eine Zumutung.  Dazu  kommt  die gewaltige Umweltverschmutzung durch all die Wegwerf-Maulkörbe und den Abfall, der durch Tests verursacht wird. Sie ist leider nicht so schnell zu verhindern, schlimm ist sie dennoch.

Nein, dies sind keine „gelinden“ Mittel und daraus darf keine „neue Normalität“ wachsen. Die Menschen neigen oft dazu, sich an Un-liebsames allzu sehr zu gewöhnen. Dazu gehören, vor allem, wenn man sich selbst in Sicherheit wähnt, sogar die schrecklichen Kriege in dieser aus der Geschichte nicht lernen wollenden Weltgemeinde, nicht nur der von einem verbrecherischen Diktator angezettelte in der  Ukraine,  sondern  ebenso  der  fast  vergessene  im  Jemen  oder jener, der das Leid der Frauen in Afghanistan verursacht hat. Die Kunst kann dies nicht ändern, sie ist leider auch nicht immer un-schuldig, doch kann sie Gefühl und Verstand für die Erkenntnis des Grauens wecken und die Vision des Friedens und der Freiheit dar-stellen, mit Bildern, Worten und Klängen.

Mit herzlichen Grüßen, Ihr
Gottfried Franz Kasparek

©Christian Leopold