Stillstand, nicht ganz

© Erika Mayer
Gottfried Franz Kasparek bei einem Einführungsvortrag in der Fördererlounge
©Erika Mayer

Seit Ende Oktober sind öffentliche Konzerte und Theateraufführungen verboten. Hat dies nur epidemiologische Gründe? Dies kann nicht sein, denn die Präventivkonzepte der Veranstalter sind hervorragend: Die Ansteckungsgefahr im Publikum ist minimal und sogar kleiner als im Supermarkt. Ausführende und Gäste sind noch dazu großteils bereit, ständige Testungen und, wenn möglich, Maulkorbzwänge über sich ergehen zu lassen. Trotzdem steht der Kulturbetrieb nahezu weltweit still. Denn leider wird die Politik fast überall von kulturfernen Menschen dominiert oder von solchen, für welche die Kunst bloß verzichtbare Unterhaltung ist, mit der man sich in guten Zeiten schmücken kann. Oder von Leuten, die von der Faszination des Digitalen schwärmen, weil sie das Analoge fürchten, den Schweiß des Theaters, die direkt anspringende Energie eines Orchesterstücks, den unverfälscht aus emotionaler Tiefe kommenden Gesang.

Wo bleiben eigentlich die medizinisch Tätigen, die selber Musikinstrumente spielen, singen oder Theater spielen? Ich vermisse ihre Wortmeldungen. Sind sie so wenige geworden, dass sie nicht mehr hörbar sind? Gibt es keine Virologinnen und Epidemiologen mit musischen Interessen? Stecken Fachleute nur mehr in ihren engen, völlig verwissenschaftlichten und mit Bürokratie zugemüllten Fachwelten, sehen sie in allzu vielen Fällen nur mehr Viren und nicht mehr Menschen, die als soziale Wesen mindestens ebenso gefährdet sind wie als virologisch Anfällige? Befinden wir uns gar am Beginn einer „Diktatur der Hygiene“? Fragen, die man hoffentlich stellen darf.

Franz Grillparzer war der Meinung, beschriebene Musik sei wie eine Speisenkarte ohne Essen. Wenn wir bei diesem in Anbetracht der Not leidenden Gastronomie gar nicht so unpassenden Vergleich bleiben wollen, dann sind gestreamte Konzerte und Opernpremieren in die Wohnung gelieferte Menüs vom Lieblingswirtshaus. Doch halt, der Braten aus der Box ist noch warm und duftet. Man kann den Küchentisch festlich decken, sich reinen Wein einschenken und oft zumindest einem real anwesenden Menschen zuprosten.

Die Musik aus dem Äther kann sehr schön sein und dennoch fehlt ihr Wesentliches: das Entstehen der Klänge in einer gemeinsam erlebten Gegenwart, das Risiko des Spielens, die Kraft des Spontanen, die den Raum erfüllende Spannung der Interpretation, die sich in jeder Aufführung neu entfaltet, und sei sie noch so gut geprobt. Streamings können „live“ übertragen werden, was die bessere Variante der Notlösung darstellt. Sehr oft sind sie jedoch Aufzeichnungen, im Regelfall nicht besonders phantasievolle Verfilmungen, die halt nun im Internet empfangbar sind. Und häufig spürt man beim Schauen noch mehr als beim Hören, dass keine wirkliche Interaktion mit dem Publikum stattfinden konnte. Da sind mir, ehrlich gesagt, rein akustische Übertragungen näher. Ich erlebe einfach lieber einen Film im Kopf als die Betrachtung verständlicher Weise konzentrierter und oft sogar dann, wenn die Töne lachen, mit tiefernster Miene agierender Musikerinnen und Musiker, was bitte nicht als Kritik an diesen gemeint ist. Im Saal wird das gleichsam naturgegebene Dilemma unter normalen Umständen durch Distanz und den nicht bloß flachen, sondern in die Tiefe des Raums gehenden Blick auf die gesamte Gruppe wesentlich abgemildert. Außerdem gibt es in Orchestern und Chören genug wunderbare, von der analogen Situation zusätzlich inspirierte Mitwirkende, die Musik sichtbar nicht nur im Kopf nachempfinden. In der Situation des „Geisterkonzerts“ ist es offensichtlich schwieriger, dies zu zeigen.

Das Mozarteumorchester hat in den letzten Monaten den Umständen zum Trotz fleißig gearbeitet. So hat es mit seinem Chefdirigenten Riccardo Minasi eine betörend schöne Aufnahme der Bläser-Sonatine und der Streicher-Metamorphosen von Richard Strauss eingespielt sowie Wolfgang Amadé Mozarts „Gran Partita“ in einer Bearbeitung für Orchester und ein rares, dem „Genius loci“ zugeschriebenes Violinkonzert mit dem charismatischen Reinhard Goebel am Pult und der prominenten Geigerin Mirjam Contzen aufgenommen. Teile dieser Programme waren bereits auf Ö1 in einer informativen „Apropos Klassik“- Sendung mit Orchesterdirektor Siegwald Bütow zu hören. Auf die bald erscheinenden CDs dürfen wir uns freuen.

Konzerte, zu denen kein Publikum kommen durfte, wurden ins Internet gestellt, zum Beispiel die Eröffnung der Mozartwoche und an deren Ende, wenn auch nicht in deren Rahmen, ein erfrischendes, kulinarisches Wunschkonzert mit Werken von Mozart bis Camille Saint-Saëns (dessen Todestag sich heuer zum hundertsten Mal jährt!) und weltweit erfolgreichen Salzburger Solistinnen und Solisten wie dem Bariton Rafael Fingerlos, dem Geiger Benjamin Schmid und der Cellistin Julia Hagen unter der Leitung von Riccardo Minasi, der übrigens sicher Musik auch dann körperlich und mimisch lebt, wenn er allein im stillen Kämmerlein ein imaginäres Orchester dirigiert. Aus dem Landestheater gab und gibt es gestreamte Aufführungen von Alma Deutschers „Cinderella“ und Mozarts „Zauberflöte“, die auch als sozusagen geschlossene Generalproben immerhin den speziellen Zauber von Bühne und Orchestergraben ahnen lassen.

Sämtliche geplante Veranstaltungen unseres Vereins zwischen November und vorerst März mussten abgesagt werden. Wir werden versuchen, viele davon – vor allem die Tatort Kammermusik-Konzerte – in die Saison 2021/22 zu verschieben. Die alljährliche Hauptversammlung mit der nach drei Jahren fälligen Neuwahl des Vorstandes dürfen wir aufgrund der Lage ebenfalls in den Herbst verlegen. Bleibt nur, Ihnen, sehr geehrte Mitglieder unseres Vereins, alles Gute, Gesundheit und Geduld zu wünschen. Hoffen wir auf das baldige Eintreffen besserer Zeiten und glauben wir an die Kunst, die es in der Geschichte der Menschheit bisher immer noch geschafft hat, aus Pestgruben und Gefängnissen neu zu erblühen.

Gottfried Franz Kasparek
Präsident des Vereins der Freunde des Mozarteumorchesters

Gottfried Franz Kasparek bei einem Einführungsvortrag in der Fördererlounge
©Erika Mayer