Von Miso zu Mozart

Von Miso zu Mozart

Sapporo, Tokyo, Kamakura, Yokkaichi, Osaka
Ivor Bolton, Mona Asuka Ott, Taro Uemura

Im September war es wieder so weit: Das Mozarteumorchester ging auf eine zweiwöchige Tournee nach Japan. Im Reisegepäck hatten wir verschiedene Mozart-Programme. Chefdirigent Ivor Bolton dirigierte und die Solisten der Tournee waren die junge deutsch-japanische Pianistin Mona Asuka Ott und für das Konzert in Yokkaichi der japanische Geiger Taro Uemura.

Ausgangspunkt der Reise war wie schon früher Sapporo. Nach der Ankunft im Hotel irre ich, noch etwas benommen von der langen Reise, auf der Suche nach einem Restaurant durch die Gegend und fühle mich zunächst recht fremd. Die innere Uhr ist durcheinander gewirbelt, vieles kann ich nicht lesen, da es nur auf Japanisch angeschrieben ist, die Verständigung fällt schwer, auch mit Englisch komme ich oft trotz der unglaublichen Hilfsbereitschaft, die mir entgegen-gebracht wird, nicht weiter.

Als erstes muss ich mir im nächstgelegenen Geschäft einen Regenschirm kaufen, denn es gießt in Strömen. Am Ende der Reise habe ich eine ganze Sammlung: Ultraflache, die in den Bratschenkasten passen, und solche, die sich automatisch öffnen und schließen(!). Auch für Salzburg eine gute Investition.

Ich betrete schließlich eine kleine Sushibar, mache mich gestikulierend irgendwie verständlich und bekomme kurz darauf eine Misosuppe und eines der besten Sushi, die ich je gegessen habe. Nach diesem kulinarischen Einstand bin ich dann auch innerlich in meinem Lieblingstourneeland Japan angekommen.

Unser erstes Konzert in Sapporo spielen wir in der äußerlich unscheinbaren, aber innen sehr schönen Sapporo Concert Hall, die in der Raumaufteilung an die Berliner Philharmonie erinnert und entsprechend gut klingt. Ein guter Auftakt für unsere Reise.

Es geht weiter nach Tokyo. Wir beziehen für die nächsten fünf Tage unser Hotel im leben di- gen Stadtteil Shinjuku, nahe der Shinjuku Station, die so riesig ist, dass man sich auf den vielen Ebenen im Labyrinth aus Gängen, Gleisen, Geschäften und Restaurants für immer darin verlieren könnte…

Von Tokyo aus fahren wir mit dem Bus eine gute Stunde nach Tokorozawa. Wir landen in einer unscheinbaren Wohngegend, in der das Tokorozawa Civic Cultural Centre steht. Beim Betreten der Bühne für die Akustikprobe bin ich sprachlos. Ein wunderschöner Saal, den sich manche europäische Musikmetropole wünschen würde! Ein Phänomen, das ich in Japan immer wieder erlebt habe. In den letzten 30 Jahren sind hier viele Säle, auch abseits der großen Metro polen, entstanden, die akustisch und architektonisch hervorragend sind und auch etwas über den hohen Stellenwert und die Wertschätzung von Kultur und Musik in diesem Land und dieser Gesellschaft aussagen!

Unsere nächste Station, die Musashino Cultural Hall, nur knapp eine Stunde von Tokyo entfernt, mit 1400 Plätzen, 1984 erbaut, ist ein weiteres Beispiel in dieser Reihe.

Von Tokyo aus ist unser nächstes Ziel Kamakura. Wir spielen ein Nachmittagskonzert an einem japanischen Feiertag und der Saal ist bis auf den letzten Platz voll. Wir erleben gemeinsam mit dem begeisterungsfähigen Publikum ein schönes Konzert.

Am darauffolgenden Tag steht das Konzert in Tokyo auf dem Programm. Wir kennen die schlechte Nachricht bereits aus den Medien: Taifunwarnung. Am Vormittag schüttet es, am Nachmittag zerfetzt es bereits meinen Regenschirm auf den paar Metern von der U-Bahn zum Hotel. Ich sitze im Hotel-zimmer im 23. Stock und sehe wie der Regen gegen die gegenüberliegenden Hochhäuser peitscht. Der Taifun ist kurz vor Tokyo, das Konzert findet dennoch statt. Pünktlich fahren wir mit dem Bus durch das beginnende Verkehrschaos zur nahegelegenen Tokyo Opera City.

Die Concert Hall des japanischen Architekten Takahiko Yani- gawa, die Teil dieses riesigen Kulturkomplexes ist, bietet Raum für 1600 Zuhörer und wurde 1997 eröffnet. Mit ihrer Holzverkleidung, der ungewöhnlichen Pyramidenform und der hervorragenden Akustik bildet sie eine Vereinigung von modernem Konzertsaal mit asiatischen Architekturelementen. Damit gehört dieser Saal zu den schönsten, die ich kenne. Allein die Deckenhöhe über dem Podium beträgt 28 Meter!Die Akustik ist ein Produkt aufwendiger Planung mit Computersimulation und akustischen Versuchen an Miniaturmodellen des Saals vor dessen Errichtung.

Nach der kurzen Akustikprobe ziehen wir uns um und stehen alle gebannt vor dem Fernseher, auf dem die Nachrichten laufen. Ein roter Punkt auf der Landkarte, der das Zentrum des Taifuns markiert, kommt schnurgerade auf uns zu. Der Vorverkauf für unser Konzert war sehr gut, doch auch das Publikum kannte die Warnungen und so verlieren sich die nur etwa 200 Zuhörer zu Konzertbeginn in dem riesigen Saal. Eine sehr spezielle Situation. Die Menschen, die trotz der widrigen Bedingungen an diesem Tag ins Konzert gekommen sind, wollen wirklich Musik hören! So entsteht eine ganz eigene Stimmung, da auch wir eine besondere Verpflichtung diesem Publikum gegenüber verspüren.

Am Ende des Konzerts bekommen wir begeisterten Applaus. Ivor Bolton richtet einige Worte an das Publikum und bedankt sich in der ihm eigenen, herzlichen Art für dessen Treue. Wir alle nehmen eine ganz besondere Erfahrung von diesem Abend mit – ein Abend, der allen lange im Gedächtnis bleiben wird.

Draußen herrscht mittlerweile Chaos. Die U-Bahnen und Züge fahren nicht mehr, Hunderttausende warten in den Bahnhöfen, Bäume sind umgefallen, umherfliegende Gegen- stände haben Beschädigungen verursacht. Der Taifun ist weitergezogen und wir bahnen uns langsam den Weg zum Hotel zurück.

Am nächsten Morgen – blauer Himmel, strahlender Sonnenschein, sommerliche Temperaturen und wir reisen ab aus Tokyo. Mit dem Shinkansen Hochgeschwindigkeitszug geht es nach Yokkaichi zu unserem nächsten Konzert und am darauffolgenden Tag weiter nach Osaka, dem Endpunkt unserer Reise. Osaka hat ein eigenes großes Orchester und einen der wichtigsten Konzertsäle in Japan. Dies beweisen auch die vielen Tourneeaufkleber in der Osaka Symphony Hall, die traditionellerweise von Gastorchestern im Hinterbühnenbereich an die Wände geklebt werden. Alle großen Namen sind vertreten und auch vom Mozarteumorchester finden sich „Pickerl“ von früheren Gastspielen. Das Konzert wird ein würdiger Abschluss für unsere erfolgreiche Japantournee.

Was macht Japan als Tourneedestination so besonders für mich? Es ist die Gastfreundschaft, die Höflichkeit und Hilfsbereitschaft der Menschen in diesem Land, die Begeisterung für klassische Musik und die außerordentliche Wert schätzung, die der Musik und den ausübenden Musikern entgegen- gebracht werden, das Erlebnis einer modernen, hoch -technisierten Gesellschaft mit lebendigen und starken Wurzeln in seiner eigenen Tradition und Kultur, die Begegnung mit einer ganz eigenen Ästhetik, die sich durch alle Kunstformen zieht und bis in die Dinge des täglichen Lebens reicht, die faszinieren den Rituale im sozialen Umgang, die japanische Küche in all ihren köstlichen Varianten, vielleicht das Bewusstsein, dieses Land niemals völlig verstehen zu können und nicht zuletzt die familiäre Beziehung, denn die Familie meiner Frau stammt ursprünglich aus Japan.

All dies und noch Vieles mehr machen jede Japanreise für mich zu einem einzigartigen Erlebnis.

Am Abreisetag kratze ich auf dem Flughafen meine letzten Yen zusammen und esse noch eine Nudelsuppe. Danach heißt es „Sayonara“ – und hoffentlich…auf bald!

Götz Schleifer, Bratsche