"... Spielen - also sein"

© Erika Mayer

"... Spielen - also sein"

Gottfried Franz Kasparek im Gespräch mit Johannes Krall

Johannes  Krall,  geboren  in  St.  Pölten,  studierte  Violine  bei Thomas  Kakuska  vom Alban  Berg  Quartett,  Chordirigieren bei Erwin Ortner und Komposition bei Friedrich Neumann  in Wien. Er trat auch als Sänger im Arnold Schönberg-Chor auf, kam 1977 mit einem selbst getexteten Lied  in das Finale der Show-Chance des ORF, errang etliche Preise und ist seit 1983 im Hauptberuf Geiger im Mozarteumorchester.  In  der  Wahlheimat  Salzburg gründete  er  die  Ensembles  giovanni-music  (E-U musik von classic bis contemporary) und moszArt  (jäzz-bänd / members of MOS and special guests, classicross). Im Jahr 1997 bekam der vielseitige Musiker den Kompositionspreis des Kulturfonds der Stadt Salzburg, im Frühjahr 2021 den 2. Preis beim  zum  Beethoven-Jahr  ausgeschriebenen Kompositionswettbewerb  des  Öberösterreichi-schen Komponistenbundes – für das Streichqua-rett flucht, dessen öffentliche Uraufführung bis jetzt ein Opfer der immer wiederkehrenden Lock-downs wurde. 

Johannes Krall ist nicht nur Geiger und Dichter-Komponist, son-dern auch ein begnadeter Arrangeur. Zum Beispiel bearbeitete er Gustav Mahlers 1. Symphonie und Lied von der Erde für Kammer-orchester.  Die  Erstaufführungen  beim  Mattseer  Diabelli  Sommer den Mahler-Jahren 2010 und 2011 waren wahre Triumphe, so per-fekt hatte Krall die Stücke dem Raum der Stiftskirche angepasst. Mahler gehört zu seinen vielen Lieblingen, doch sein Gott ist Bach. Die erfolgreiche, aber zeitraubende Tätigkeit als Arrangeur, unter anderem  für  die  Salzburger  Festspiele  und  für  die  Stiftung  Mozarteum,  sieht  er  freilich  ambivalent:  Ich habe so viele unfertige Sachen, nämlich eigene Kompositionen, die herumliegen.

Das einsätzige Streichquartett soll eigentlich fünfsätzig werden, ein Violinkonzert-Fragment harrt der Fertigstellung, ein Oratorium, ein großes Orchesterstück,  erzählt  er.  Bis  jetzt  gibt  es  etwa  50  voll-endete  Werke  von  ihm.  Er  freut  sich  schon  auf  die  Pension,  um mehr Zeit zum Komponieren zu haben, aber er war und ist immer noch unglaublich gern im Orchester – die positiven Erinnerungen überstrahlen alles andere.

Der  umfassende  Musiker  Krall  überschreitet  besonders  gerne  die fließenden Grenzen der sogenannten E- und U-Musik, er liebt Jazz und  Blues  und  Folklore.  Das  merkt  man  seiner  oft  swingenden Kammer und Ensemblemusik an. Der Tonalität bleibt er im Prinzip treu, obwohl er oft frei mit ihr umgeht und gerne mit harmoníschen und zahlenmystischen Finessen arbeitet. Denn in diesem Allround Künstler schlummert auch ein Philosoph und auf jeden Fall ist er ein kritischer Beobachter der Zeit und ihrer Geister. Betrachten wie einige seiner Stücke aus letzter Zeit, wird dies sehr deutlich.

Octanova, ein  Oktett für 4 Stimmen und 4 Instrumente, geschrieben für die Salzburger Synagoge, bezieht sich strukturell auf die Vollkommenheitszahl 8. die umgelegt noch dazu die Unendlichkeit bedeutet  und  leider  unter  einem  Missbrauch  durch  die  Neonazis leidet. Krall besteht auf dem achten Ton, der Oktave in der Mu-sik, schreibt acht jeweils einminütige Stücke großteils im 8/8tel Takt, die mit 88 metronomisiert sind. Nur der achte Teil steht im 9/8tel-Takt und führt zur Zahl 9, die für den Komponisten auch das Neue (nova) bedeutet – und das er nicht mehr musikalisch festhält.  Warum?

Er schreibt dazu: die welt ist seit mitte des vergangenen jahrhunderts nicht mehr wie sie vorher war. wenn es je unschuld gegeben hat, dann wurde der letzte rest davon brutal entsorgt. es scheint dringender als jemals vorher, darauf hinzuweisen; denn manche tun wieder sehr unschul-dig und scheuen doch weder gedanklich noch verbal neue (alte?) brutalitäten. es scheint der entscheidende prüfstein zu sein, wie wir uns schwächeren gegenüber verhalten, in unserer einstellung und handelnd. der neunte teil meines stücks fehlt. möge sich jedeR an-gesprochen fühlen, ihn selbst weiter zu denken und das „nie wie-der“ mit neuen inhalten zu beleben.

Am 3. November 2021 kam in einem Konzert der Salzburger Kul-turvereinigung  das  atmosphärische  Stück  für  Viola  und  Kontrabass elis and his midnight lamp als Hommage an Georg Trakl und Jimi Hendrix zur Uraufführung. Dabei spielte der auch rezitierende Komponist die Bratsche und Verena Wurzer den Bass. Wer bei Elis an  Franz  Schrekers  Oper  Der  Schatzgräber  denkt,  liegt  übrigens nicht ganz falsch, auch Johannes Krall war sich dieser möglichen Assoziation bewusst, zauberte aber seine eigenen Klänge herbei.

Das  größer  besetzte  Werk  propter homines  sollte  im November 2021 zur Eröffnung des Festivals Dialoge aus der Taufe gehoben werden, im Großen Saal des Mozarteums mit der dortigen Propter homines-Orgel, einem luziden Bläser-Fernorchester gegenüber der Orgel sowie Schlagzeug und Streichern. Das Stück trtägt den Un-tertitel versuch eines dialogs mit der akkordfolge des komtur-the-mas aus mozarts don giovanni. Man kann das bis jetzt nur als Com-puteranimation hören – aber was man da an spannungsgeladenen Dialogen hört, fasziniert vom ersten, insistierend wiederholten Takt an. Und man hält die Daumen, dass es zu einem Uraufführungs-termin kommt, der nicht wieder von einem Lockdown ausgehebelt wird.  Sollte  das  nicht  auch  dem  Orchester,  dessen  Mitglied  und Mitstreiter Krall seit bald vierzig Jahren ist, ein Anliegen sein? Üb-rigens ist er unter den im Orchester wirkenden Komponisten der einzige noch als Orchestermusiker aktive.

Und  flucht,  das  preisgekrönte  Streichquartett?  Es  sollte  in der Nacht der Komponist*innen am 25. November kommen. Es geht darin um das Hauptthema von Beethovens Großer Fuge. Das völlig anders, eher jazzig rhythmisierte Motiv beherrscht ein dichtes und doch transparentes Geflecht; man kann es derzeit nur via Computer hören. Fuga heißt bekanntlich Flucht und so geht es Johannes Krall hier um die Flüchtlingsbewegungen in unserer Zeit, um deren rastloses Eilen, um in Lagern aufgezwungene Ruhe, um die Erin-nerungen  dieser  Menschen,  um  das  Stehen  vor  Mauern.  Und  da gibt es aus jüngster Zeit noch das Stück rainbows für Violine solo, in der Synagoge ohne Publikum gespielt (es soll demnächst online gestellt werden) – ein klingender Regenbogen und ein Plädoyer für die Vielfalt der Kulturen und der Lebensweisen, auch ein Erinnern für die Zukunft.

Am Ende dieses Porträts von Johannes Krall soll sein künstlerisches Credo  stehen,  zu  finden  auch  auf  seiner  lesenswerten  Webseite giovanni-music.at: suchen / durch ideen / versuchen / durch mit-teilen / geleiten / durch erfahren / führe(n)? / durch die versu-chung / spielen / also sein.

 

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