Ohne Fleiss kein Preis

Ohne Fleiss kein Preis

Peter Branner im Gespräch mit Mikhail Nemtsov

Wenn Sie im vergangenen Herbst den „Tatort Kammermusik“ besucht haben, konnten Sie ihn bei den Vier Celli ohne Grenzen erleben. Inzwischen ist der hochgewachsene, stets ernst und konzentriert wirkende junge Mann Vollmitglied des Orchesters geworden. Ein Anlass, ihn hier vorzustellen.

Gibt man den Namen Nemtsov im Internet ein, kommen sehr viele Einträge. Da gibt es sogar Berühmtheiten wie den Politiker Boris Nemtsov oder den Pianisten Jascha Nemtsov. Sind Sie mit diesen Personen verwandt?

Der Name ist zwar nicht so häufig anzutreffen, aber ich bin nicht mit ihnen verwandt.

Setzt man Ihren Vornamen dazu, dann überraschen Sie mit einer langen Liste von Wettbewerben, an denen Sie teilgenommen haben, zum Teil sehr erfolgreich mit ersten Preisen und Auszeichnungen, z.B. die Pierre Fournier Auszeichnung. Sie wirken geradezu wie ein Wettbewerbstourist.

Es ist richtig, dass ich an ziemlich vielen Wettbewerben teilgenommen habe.

Wo haben Sie das Licht der Welt erblickt?

Das war 1988 in St. Petersburg. Die Stadt hieß damals noch Leningrad.

War es eine musikalische Welt, in die Sie hineingeboren wurden?

Eigentlich schon, denn meine Mutter ist Musikerin, eine Pianistin. Mein Vater hingegen ist Arzt, musiziert nicht, aber versteht viel von Musik, weil er sehr gerne die Oper besucht. Meine eineinhalb Jahre ältere Schwester Elena ist ebenfalls Pianistin. Sie spielt vornehmlich Kammermusik und arbeitet an der Bruckner Universität in Linz.

Seit der Auflösung der Sowjetunion wird bei uns genauer unterschieden, wo jemand her kommt. Sind Sie ein richtiger Russe?

Mein Vater ist 100%iger Russe, meine Mutter hingegen halb russisch, halb jüdisch, denn ihr Vater war Jude. Ich bin daher in gewisser Weise eine Mischung, die aber gut für mich ist.

Darf ich annehmen, dass Sie sehr bald mit dem Erlernen eines Instrumentes begonnen haben?

Mit vier Jahren habe ich mit dem Klavierspiel begonnen. Da sowohl meine Mutter als auch meine Schwester Klavier spielten, hat meine Mutter gemeint, es wäre besser, wenn es musikalisch in der Familie eine Abwechslung gäbe. Mit sechs Jahren begann ich also mit dem Cello, genauer gesagt mit einem Achtel-Cello, das etwas größer als eine Geige ist. Meine Schwester und ich besuchten elf Jahre eine spezielle Mittelschule für Musik.

Haben Sie dort auch in einem Schulorchester gespielt?

Nicht sehr viel, denn die Ausbildung war mehr in Richtung einer solistischen Tätigkeit.

Wann haben Sie gewusst, das ist „mein“ Beruf?

Oder hätte es auch noch andere Berufe, wie z.B. Arzt oder Techniker gegeben

Für mich war Musiker immer der richtige Beruf. Zu Sowjet-zeiten war es im Vergleich zu heute leichter für einen Musiker, in ein anderes Land zu gehen. Es war auch der Wunsch unserer Eltern, die noch die Zeit vor Jelzin erlebt hatten. Jelzin war für sie eine Hoffnung. Einigen ihrer Freunde ist es ge-lungen, in den Westen, z.B. nach Deutschland oder Amerika auszuwanden. Nach Änderung der politischen Verhältnisse war der Zeitpunkt zu emigrieren verpasst.

Sie haben jüdische Verwandte. War die Siuation für Sie schwierig in diesen Zeiten?

Mein Großvater hatte eine wichtige Aufgabe im Elektrizitäts-bereich und hat diese sehr professionell ausgeführt. Somit war er für den Staat wichtig. Aber für viele – nicht nur jüdische – Künstler und Oppositionelle gab es große Probleme.

Ihre Eltern haben Ihnen also geraten, ins Ausland zu gehen. Wie kam es dazu?

Da ich glaubte und immer noch glaube, dass es in Europa eine bessere Orchesterkultur gibt, ging ich nach der Mittel-schule noch für zwei Jahre nach England in die Chetham’s School of Music in Manchester. Ich wurde dorthin von einem befreundeten Geigenprofessor aus St. Petersburg eingeladen, der in Manchester lehrte. Der Unterricht brachte eine ungeheure Erweiterung meines Horizontes und bedeutete eine entscheidende Ausrichtung für mein Leben als Musiker. Von der russischen Spielweise herkommend habe ich nun die europäische kennengelernt. Die beiden Stile zu kombinieren war mir sehr wichtig.

Wie unterscheiden sich die beiden Stile?

In der russischen Schule geht es vor allem um die entsprechende Technik und den schönen Klang. Du kannst z.B. Schostakowitsch und Haydn technisch nicht gleich spielen. Für Haydn brauchst du einen anderen Klang. Ich habe viel gelernt über Farben im Klang, z.B. bei Debussy oder Chopin und natürlich bei Beethoven. Umgekehrt wäre es für europäische Künstler auch empfehlenswert, eine gewisse Zeit in Russland zu studieren. In Manchester studierte ich in der Folge am Royal Northern College of Music und schloss mit vier Diplomen ab (lacht): Bachelor, Master, Postgraduate sowie Advanced Studies and international Artist Diplom. Damals durfte ich schon als Assistent unterrichten.

Sie haben dann auch in einem Orchester gearbeitet.

Ja, im BBC-Philharmonic Orchestra in Manchester, einem der fünf BBC-Rundfunkorchester. Anschließend war ich einige Zeit im Bergen Philharmonic Orchestra in Norwegen, in beiden Fällen als Solocellist.

Wie kamen Sie dann zum Mozarteumorchester?

Ich habe von diesem Orchester gehört, mag die österreichische Orchesterkultur und da meine Schwester in Linz lebt und wir zusammen spielen wollen, war es naheliegend, mich hier zu bewerben.

Welcher Musik fühlen Sie sich besonders nahe?

Natürlich liegt mir russische Musik sehr am Herzen, z.B. Tschaikowskys Rokoko-Variationen, die ich in England als Solist schon gespielt habe. Aber ich liebe auch Schumann, vor allem die Kammermusik.

Haben Sie auch das berühmte Dvořák-Cellokonzert gespielt?

Ja, schon oft. In England einmal mit dem Philharmonia Orchestra London. Ich habe auch oft die Cellokonzerte von Haydn und Boccherini gespielt, letzteres in Argentinien mit einem Orchester, das ich selbst geleitet habe.

In Salzburg spielen Sie nicht nur Konzert und Oper, sondern auch Musical und moderne Musik wie bei den Aspekten. Wie geht es Ihnen in diesen Bereichen

Musical zu spielen ist für mich neu, aber bereitet mir keine Probleme. Was die moderne Musik anlangt, so hatten wir in England in fast jedem Konzert ein modernes Werk im Programm.

Gibt es moderne Komponisten, die Sie besonders mögen?

Da denke ich an Peter Maxwell Davis, der kürzlich verstorben ist. Ich mag seine Cello-Sonate sehr. Anfänglich fiel es mir schwer, aber dann hatte ich Freude, sie zu spielen. Meine Schwester komponiert gelegentlich und meine Eltern ermutigen sie, es öfter zu tun. Diese Werke spiele ich natürlich auch gerne.

Welche Pläne haben Sie für die nächste Zeit?

Ich werde bei Meisterkursen in Deutschland und den Niederlanden unterrichten und auch bei Festivals spielen.

Unterrichten Sie gerne? Dafür muss man eine besondere Begabung haben und Geduld besitzen.

Ja, das ist richtig. Aber ich mache es gerne und war seiner-zeit schon Gastprofessor in Birmingham. Mir geht es vor allem um Qualität.

Wie fühlen Sie sich hier im Mozarteumorchester?

Es ist für mich eine große Freude, in diesem Orchester zu arbeiten. Es herrscht ein sehr guter Geist und das ist wichtig.

Abschließend noch eine Frage. Mir ist bei Ihnen so wie bei anderen russischen Künstlern aufgefallen, dass sie sehr ernst die Bühne betreten, beim Spiel äußerst konzentriert und ernst wirken und selbst nachher, wenn das Publikum begeistert Beifall spendet, kein Lächeln zeigen. Ist das die russische Seele?(Lacht.)

Es mag wirklich mit der russischen Seele zusammenhängen, die geprägt ist von dem vielen Leid, das dieses Volk erfahren hat. Ich fühle, dass es bei mir hier in Salzburg schon besser wird.

Stand:

2016