Von Tongyeong nach Tokyo

Von Tongyeong nach Tokyo

Tongyeong, Musashino, Tokyo, Nagoya, Kawasaki
Ivor Bolton, Martin Stadtfeld, Sandrine Piau

Wo bin ich? Mein Herz hämmert. Von irgendwo her ist ein grelles Kreischen zu vernehmen. Ich bemühe mich, in der Dunkelheit etwas zu erkennen. Ich kann ein Fenster ausmachen, stürze darauf zu und reisse die Vorhänge auseinander. Vor mir liegt eine Hafenanlage, große Verladekräne bewegen Stahlcontainer.

Ich bin kurz verwirrt, dann fügt sich alles zusammen. Genau, ich bin in Tongyeong, Südkorea. Nach 24 langen Reisestunden sind wir gerade im Hotel angekommen. Ich hatte mich kurz hingelegt und war eingenickt. Mein Herzschlag beruhigt sich – ich habe keine Probe verpasst, kein Konzert verschlafen – alles ist in Ordnung!

Tongyeong ist der Ausgangspunkt unserer heurigen Korea-Japan Tournee. Fischerei und Tourismus sind die Haupteinnahmequellen dieser Stadt, in der 140.000 Menschen leben. Wie kommt die klassische Musik nach Tongyeong? Die Antwort lautet: durch Isang Yun. Der berühmte zeitgenössische Komponist wurde 1917 hier geboren. Nach seinem Tod 1995 in Berlin wurde zu seinen Ehren in seiner Geburtsstadt ein Musikfestival ins Leben gerufen. Im Jahr 2014 konnte die beeindruckende Tongyeong Concert Hall eröffnet werden, die Raum für 1.300 Zuhörer bietet. Viele berühmte Solisten, Orchester und Ensembles sind bereits dort aufgetreten. Hier spielen wir also nach einer kurzen Akustikprobe am Vormittag bereits ein Schulkonzert unter Leitung unseres Chefdirigenten Ivor Bolton, der die gesamte Tournee begleitet. Die Bläsersolisten des Orchesters müssen gleich zu Beginn in Mozarts „Posthornserenade“ anspruchsvolle solistische Aufgaben erfüllen. Das MOS steht im Zentrum des Festivals „Mozartweek in Tongyeong“. Auf besonderen Wunsch der Musiker gibt es eine weitere Akustikprobe, um sich noch besser mit dem Saal vertraut zu machen, bevor wir unser zweites Konzert an diesem Tag spielen. Die Kinder haben am Vormittag geradezu gespenstisch leise unser Konzert verfolgt – ich sage das als Vater von drei Kindern! Das Publikum am Abend ist ungewöhnlich lebhaft und bricht am Ende des Konzerts in geradezu frenetischen Jubel aus. Ein langer Tag, aber ein guter Einstieg in unsere Tournee.

Am nächsten Morgen treffen wir auf Martin Stadtfeld, den Klaviersolisten unserer Tournee. Wir kennen uns bereits gut von früheren Konzerten und der CD Aufnahme im Frühjahr mit Mozarts Klavierkonzerten. Martin ist kein „Tastentiger“, der es mächtig rauschen lässt bei Mozart, sondern ein sehr fein und sensibel spielender Pianist. Wir finden schnell zu einem harmonischen, gemeinsamen Musizieren und das Konzert am Abend wird ein großer Erfolg für alle.

Beim Frühstück am nächsten Morgen erreichen uns gute Neuigkeiten aus Salzburg. Die Kolleginnen und Kollegen, die nicht auf der Tournee dabei sind, konnten einen schönen Erfolg mit Mendelssohns Ein Sommernachtstraum gemeinsam mit dem Hamburg Ballett unter John Neumeier bei den Pfingstfestspielen feiern. Die Besetzungsgröße des Mozarteumorchesters erlaubt es uns, als Tourneeorchester unterwegs zu sein und gleichzeitig unsere musikalischen Aufgaben in Salzburg zu erfüllen.

Wir nehmen Abschied von Tongyeong und reisen weiter nach Japan. Unser erstes Konzert findet in Musashino statt, etwa ein Stunde außerhalb von Tokyo. Auf dem Programm steht die Trias der drei letzten Sinfonien Mozarts – immer wieder eine große musikalische und künstlerische Herausforderung. Die französische Sopranistin Sandrine Piau ist die Solistin des Konzerts im riesigen Bunka Kaikan in Tokyo, das über 2300 Zuhörer fasst. Auch mit Sandrine haben wir schon öfter musiziert und die Arien aus verschiedenen Mozartopern sind ein absoluter Genuss – für uns Musiker wie für das Publikum!

Wir brausen weiter mit dem Shinkansen Hochgeschwindigkeitszug von Tokyo nach Nagoya. Es war der ausdrückliche Wunsch des dortigen Konzertveranstalters in der ersten Hälfte des Konzerts die frühe Sinfonie in g-Moll KV 183 der späten g-Moll Sinfonie KV 550 von Mozart gegenüberzustellen. In der Tat eine spannende Programmatik – früher und später Mozart, beide Male in der hochdramatischen Tonart g-Moll. Dabei gibt es nur ein kleines Problem, denn die frühe g-Moll Sinfonie hat vier(!) Hörner in der Bläserbesetzung, alle anderen Stücke unserer Tournee kommen mit zwei Hörnern aus. Kein anderer Veranstalter auf der Tournee wollte jedoch die „Kleine g-Moll“ Sinfonie im Programm haben. Deshalb müssen zwei Hornisten extra für das Konzert in Nagoya von Salzburg anreisen, spielen souverän und fliegen die 9000 Kilometer wieder zurück. Die Kollegen nehmen es sportlich. So kann der Berufsalltag eines Musikers auch aussehen.

Über Yokkaichi reisen wir zurück nach Tokyo. In der Muza Symphony Hall in Kawasaki spielen wir das letzte Konzert dieser Tournee. Ein optisch wie akustisch beeindruckender Saal, der uns sehr inspiriert. Ivor Bolton ist in Hochform und musiziert sehr aus dem Moment heraus. Vieles ist anders als in den Konzerten davor: Dynamische Abstufungen, Übergänge, Tempi- aber das macht es gerade so spannend für uns alle. Ivor zeigt, was er haben möchte und wir gehen mit – so sieht spontanes und lebendiges Musizieren aus. Das Publikum hört und spürt das und ist restlos begeistert.

Am Ende des Konzerts verabschieden wir uns von unserem langjährigen Fagottkollegen Yoshi Honda-Tominaga. Nach jahrzehntelanger Mitgliedschaft ist es nun wirklich sein allerletztes Konzert mit dem Mozarteumorchester – ausgerechnet in seiner Heimat Japan.

Wir sind am Ende unserer unserer 13-tägigen Tournee angelangt. 70 Stunden haben wir in Flugzeugen, Bussen und Zügen verbracht, mitreißende Konzerte gespielt und kehren reich an Erfolgen beim Publikum und den Veranstaltern zufrieden nach Salzburg zurück. Wiedereinladungen sind ausgesprochen!

Ach ja, noch etwas habe ich gelernt: Nie im Hotelzimmer die Vorhänge zuziehen…!

Götz Schleifer, Bratsche